Textbeispiel zu: Die Paradoxie als Denkprinzip  -  über Jorge Luis Borges, Sonderteil von Ar Gwyr 29, Karlsruhe 10.08.2003

Die Inschrift des Gottes
Für Emma Risso Platero
aus: J.L.Borges, Das Aleph

Der Kerker ist tief und aus Stein; seine Form die einer beinahe vollkommenen Halbkugel, wenn auch der Boden (der gleichfalls aus Stein ist) hinter dem ausgezogenen Kreisbogen ein wenig zurückbleibt, was das Gefühl von Bedrängnis und Weite noch erhöht. Eine Zwischenmauer durchschneidet ihn; diese, obgleich sehr hoch, rührt nicht an den oberen Teil der Wölbung; auf der einen Seite bin ich, Tzinacán, Magier der Pyramide von Qaholom, die Pedro de Alvarado in Brand steckte; auf der anderen Seite befindet sich ein Jaguar, der lautlos mit gleichmäßigen Tritten Zeit und Raum der Gefangenschaft abmißt. Am Boden durchbricht ein breites Fenster mit Eisenstäben die Zwischenwand. Zur schattenlosen Stunde (am Mittag) öffnet sich oben eine Falltüre, und ein Wärter, den die Jahre allmählich verwischt haben, setzt eine Winde in Bewegung und läßt am Ende eines Seils Krüge mit Wasser und Stücke Fleisch zu uns herab. Das Licht fällt in die Wölbung; in diesem Augenblick kann ich den Jaguar sehen.
Die Zahl der Jahre, seit ich im Finstern liege, ist mir entschwunden; ich, der ich einmal jung war und in diesem Gefängnis umhergehen konnte, tue jetzt nichts mehr als in der Stellung meines Todes das Ende erwarten, das mir die Götter bestimmen. Mit dem tief grabenden Messer aus Feuerstein habe ich den Opfern die Brust aufgerissen, doch heute könnte ich mich ohne Magie nicht einmal aus dem Staub erheben.
Am Abend, bevor die Pyramide brannte, folterten mich die Männer, die von hohen Pferden sprangen, mit glühenden Metallen, damit ich ihnen die Stelle eines versteckten Schatzes verriete. Sie stürzten vor meinen Augen das Idol des Gottes, aber dieser verließ mich nicht, und ich blieb stumm unter der Folter. Sie zerfetzten mich, zerbrachen mich, verzerrten mich, und dann erwachte ich in diesem Verlies, das ich in meinem sterblichen Leben nicht wieder verlassen werde.
Von der Not getrieben etwas zu tun, auf irgendeine Weise die Zeit auszufüllen, wollte ich in meiner Finsternis, alles was ich wußte, ins Gedächtnis zurückrufen. Ganze Nächte vergeudete ich damit, Reihenfolge und Zahl von ein paar steinernen Schlangen oder die Bildung eines heilkräftigen Baums in der Erinnerung wiederzufinden. So überwand ich die Jahre, so nahm ich in Besitz, was schon mein eigen war. Eines Nachts hatte ich das Gefühl, daß sich mir eine kostbare Erinnerung nahe; der Reisende, noch bevor er das Meer erblickt, fühlt eine Erregung im Blut. Stunden später bekam ich die Erinnerung allmählich in Sicht; es war eine der Überlieferungen des Gottes. Dieser, da er voraussah, daß am Ende der Zeiten viel Unheil und Vernichtung hereinbrechen würde, schrieb am ersten Tage der Schöpfung einen Zauberspruch nieder, geeignet, diese Übel zu bannen. Er schrieb ihn auf solche Weise nieder, daß er zu den fernsten Geschlechtern gelangen und der Zufall ihm nichts anhaben sollte. Niemand weiß, an welchem Ort er ihn schrieb noch in welchen Schriftzeichen, aber für uns steht fest, daß er im Verborgenen fortdauert und daß ein Erkorener ihn lesen wird. Ich bedachte, daß wir wie immer am Ende der Zeiten stünden und daß mir, als letztem Priester des Gottes, vom Schicksal das Vorrecht gegönnt sei, diese Schrift zu schauen. Daß ich mich von einem Kerker umgeben sah, verwehrte mir nicht diese Hoffnung; vielleicht hatte ich die Inschrift Qaholoms Tausende von Malen gesehen und brauchte sie nur zu verstehen.
Diese Überlegung belebte mich und versetzte mich alsbald in eine Art von Taumel. Es gibt auf dem Erdenrund alte Formen, unverwesliche und ewige Formen; irgendeine unter ihnen mochte das gesuchte Sinnbild sein. Ein Berg konnte das Wort des Gottes sein, oder ein Fluß oder das Reich oder die Konfiguration der Gestirne. Jedoch im Laufe der Jahrhunderte flachen sich die Berge ab, der Lauf eines Flusses geht häufig einen anderen Weg, und die Reiche erleiden Veränderungen und Verheerungen, und die Figur der Sterne wandelt sich. Am Firmament herrscht Wechsel; Berg und Stern sind Einzelwesen, und die Einzelwesen gehen dahin. Ich suchte nach etwas Bleibenderem, etwas Unverwundbarem. Ich dachte an die Geschlechter der Kornfrüchte, der Weidetiere, der Vögel, der Menschen. Vielleicht stand in meinem Antlitz der Zauberspruch geschrieben; vielleicht war ich selber das Ziel meiner Suche.
Als ich so rang, fiel mir ein, daß der Jaguar eines der Attribute des Gottes ist.
Da füllte sich meine Seele mit Andacht. Ich stellte mir den ersten Morgen der Zeit vor, ich stellte mir vor, wie mein Gott dem lebenden Fell der Jaguare seine Botschaft anvertraute, der Jaguare, die einander lieben und ohne Ende fortzeugen würden, in Höhlen, im Röhricht und auf Inseln, damit die letzten Menschen sie empfingen. Ich stellte mir dieses Tigernetz vor, dieses heiße Tigerlabyrinth, das Fluren und Herden zum Schrecken ward, damit eine Zeichnung erhalten bliebe. In der anderen Zelle befand sich ein Jaguar; seine Nähe nahm ich als Bestätigung meiner Vermutung und als heimliche Gunst.
Viele Jahre verbrachte ich damit, die Anordnung und Zusammenstellung des gefleckten Musters zu erlernen. Jeder blinde Tag gewährte mir diesen einen lichten Augenblick; so konnte ich meinem Geist die schwarzen Formen einprägen, die das gelbliche Fell fleckten. Einige schlössen sich um einen Punkt, andere bildeten Querstreifen auf der Innenseite der Beine, andere, ringförmige, kehrten wieder. Vielleicht waren sie ein gleicher Laut oder ein wiederkehrendes Wort. Viele hatten rote Säume.
Von der Mühsal meiner Arbeit will ich nicht sprechen. Mehr als einmal schrie ich in die Wölbung hinauf, es sei unmöglich, diesen Text zu entziffern. Nach und nach beunruhigte mich das faßbare Rätsel, das mir zu schaffen machte, weniger als die Rätselnatur eines von einem Gott geschriebenen Spruchs. Was für eine Art Spruch (fragte ich mich) kann wohl ein absoluter Geist zustandebringen? Ich bedachte, daß es auch in den menschlichen Sprachen keinen einzigen Satz gibt, der nicht die gesamte Welt zur Voraussetzung hat; sagt man «der Tiger», so sagt man zugleich die Tiger, die ihn zeugten, die Rehe und Schildkröten, die er verschlang, die Weide, von der die Rehe sich nährten, die Erde, deren Mutterschoß die Weide hervorbrachte, der Himmel, der Licht der Erde spendete. Ich bedachte, daß in der Sprache eines Gottes jedes Wort diese unendliche Verkettung von Tatsachen verkünden würde, und zwar nicht implizit, sondern explizit, nicht fortschreitend, sondern unmittelbar. Mit der Zeit dünkte mich der Begriff eines göttlichen Spruches kindisch oder lästerlich. Ein Gott, grübelte ich, braucht nur ein Wort zu sagen und in diesem Wort die ganze Fülle. Kein von ihm artikulierter Laut kann dem Weltall unterlegen sein oder geringer sein als die Summe der Zeit. Schatten oder Trugbilder dieses Lauts, der soviel ist wie eine Sprache, und was eine Sprache in sich bergen kann, sind die hochfliegenden und erbärmlichen menschlichen Worte: All, Welt, Universum.
Eines Tages oder während einer Nacht  - was für ein Unterschied besteht denn zwischen meinen Tagen und meinen Nächten? - träumte ich, auf dem Boden meines Kerkers läge ein Sandkorn. Ich schlief aufs neue ein, teilnahmslos, da träumte ich, daß ich aufwachte und nun wären es zwei Sandkörner. Wieder schlief ich ein und träumte, die Sandkörner seien drei an der Zahl. So vermehrten sie sich fort und fort, bis sie den Kerker anfüllten und ich unter dieser Halbkugel von Sand erstickte. Ich begriff, daß ich träumte; mit gewaltiger Anstrengung wachte ich auf; ich erwachte umsonst; der unzählbare Sand erstickte mich. Jemand sagte zu mir: Nicht zum Wachen bist du erwacht, sondern zu einem früheren Traum. Dieser Traum ist in einem anderen Traum, und so bis ins Unendliche, welches die Zahl der Sandkörner ist. Der Weg, den du zurücklegen mußt, ist ohne Ende, und du wirst sterben, ehe du wirklich aufgewacht bist.
Ich glaubte mich verloren. Der Sand zerquetschte mir den Mund, doch ich schrie: Weder kann ein geträumter Sand töten, noch gibt es Träume, die in einem Traum sind. Ein Lichtschein weckte mich auf. In der oberen Dunkelheit zeichnete sich ein Kreis von Licht ab. Ich sah das Gesicht und die Hände des Wärters, die Winde, das Seil, das Fleisch und die Krüge.
Ein Mensch verschmilzt allmählich mit der Gestalt seines Schicksals; ein Mensch ist auf die Dauer sein Ort. Weder Entzifferer noch Rächer, noch ein Priester des Gottes war ich, sondern ein Kerkerhäftling. Aus dem unersättlichen Labyrinth der Träume fand ich zurück, fand ich gleichsam heim zu dem harten Gefängnis. Ich segnete seine Nässe, ich segnete seinen Tiger, ich segnete das Lichtloch, ich segnete meinen alten, schmerzenden Leib, ich segnete die Finsternis und den Stein.
Da geschah, was ich weder vergessen noch mitteilen kann. Es geschah die Einigung mit der Gottheit, mit dem Universum (ich weiß nicht, ob zwischen diesen Worten ein Unterschied ist). Die Ekstase wiederholt ihre Zeichen nicht; der eine hat Gott in einem Leuchten erblickt, der andere in einem Schwert oder in den Kreisen einer Rose. Ich sah ein himmelhohes Rad, das nicht vor meinen Augen, nicht in meinem Rücken, nicht seitwärts, sondern allenthalben und gleichzeitig war. Dieses Rad war aus Wasser gemacht, aber auch aus Feuer, und es war (obwohl man den Rand sehen konnte) unendlich. Ineinander verschlungen, bildeten es alle Dinge, die sein werden, die sind und die waren, und ich war einer der Fäden dieses Allgewebes, und Pedro Alvarado, der mir die Folter zufügte, war ein anderer. Hier waren die Ursachen und die Wirkungen, und ich brauchte nur dieses Rad anzusehen, um alles zu begreifen, ohne Ende. O Seligkeit des Begreifens! höher als die Seligkeit des Vorstellens und Empfindens. Ich sah das Universum und sah die verborgenen Pläne des Universums. Ich sah den Ursprung, den das Buch vom Rat erzählt. Ich sah die Berge, die dem Wasser entstiegen, ich sah die ersten Pfahlmenschen, ich sah die Kufen, die sich gegen die Menschen kehrten, sah die Hunde, die ihnen das Gesicht zerfleischten. Ich sah den antlitzlosen Gott, der hinter den Göttern ist. Ich sah unzählige Vorgänge, die eine einzige Wonne bildeten, und indem ich alles verstand, gelang es mir auch, die Schrift des Tigers zu verstehen.
Es ist eine Formel aus vierzehn zufälligen Wörtern (die zufällig aussehen), und ich brauchte sie nur laut zu sagen, so wäre ich allmächtig. Ich brauchte sie nur zu sagen, und dieses steinerne Verlies wäre nicht mehr, der Tag dränge in meine Nacht, ich wäre jung, unsterblich, der Tiger zerfleischte Alvarado, ich tauchte das heilige Messer in spanische Brüste, baute die Pyramide wieder auf, baute das Reich wieder auf. Vierzig Silben, vierzehn Worte, und ich, Tzinacán, würde über die Länder herrschen, über die Moctezuma herrschte. Aber ich weiß, daß ich diese Worte nie sagen werde, weil ich mich Tzinacáns schon nicht mehr entsinne.
Soll mit mir das Geheimnis sterben, das den Tigern eingeschrieben ist. Wer das Universum geschaut, wer die feurigen Pläne des Universums geschaut hat, kann nicht eines Menschen gedenken, seines nichtigen Glücks oder Unglücks, sei dieser Mensch auch er selber. Der Mensch ist er selber gewesen, nun liegt an ihm nichts mehr. Was liegt ihm an dem Los jenes anderen, was liegt ihm am Volk jenes anderen, wenn jetzt niemand ist? Darum spreche ich die Formel nicht aus. Darum lasse ich die Tage meiner vergessen, in der Dunkelheit liegend.

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