"En vano es vario el orbe. La jornada
Que cumple cada cual ya fue fijada." 
"Vergebens ist die Vielfalt dieser Welt. Das Tagewerk
Des Einzelnen ist festgeschrieben." Jorge Luis Borges

Einführung

Jorge Luis Borges ist ein großer Schriftsteller Lateinamerikas, der von allen seinen Lesern wie auch von seinen schreibenden Landsleuten als Abendländer empfunden wird. Er ist es selbst da, wo er Geschichten mit einem typisch südamerikanischem oder lokalpatriotischen Akzent schreibt (nein erzählt; denn er ist viel eher Erzähler als Literat), etwa über die Gauchos oder sein geliebtes Buenos Aires. Seine okzidentale und weltumspannende Sichtweise zeigt uns einmal mehr, daß wir die amerikanischen Autoren mehr in unser Blickfeld einbeziehen sollten, bauen sie doch mit am Gesamtentwurf unserer Kathedrale.

Der Dichter begreift sich in einer gewissen Weise als ganzheitlich - die Menschen seiner Geschichten kämpfen, leiden, lieben, er schildert sie und ihr Leben Anteil nehmend, aber oft aus einer Distanz, ebenso verhält er sich kritisch zu sich selbst und zur Sprache. Er ist ein Konservativer und Humanist, und auf eine zutiefst menschliche und zögerliche Weise ein vom Glauben durchdrungener Mensch.  Er läßt sich durch die Thesen des Nihlismus, von den philosophischen Worten Nietzsches oder Sartres nicht beeindrucken, sondern geht seinen eigenen Weg. Dem Satz vom Tode Gottes hält er etwa (so habe ich ihn jedenfalls verstanden) entgegen, daß wir in einem zutiefst metaphysischen oder sakralen Universum leben, welches selbst mit dem vorgeblichen Tode Gottes niemals seine Transzendenz verlieren kann. Borges behauptet, daß Gottes Bild, gewisserrmassen gebrochen in vielen Stücken, aber dennoch ganz real vorhanden, in uns - und übrigens auch überall um uns -  wie in den verteilten Scherben eines Spiegels weiter existiert. (Diese Metapher stammt bekanntlich von Paulus, sie könnte aber auch ebenso gut erstmals von dem Argentinier erdacht worden sein.) Das Problem des Menschen ist vielmehr, jenes eine, alles entscheidende Schriftzeichen zu finden und recht zu deuten. Die Chiffren Gottes jedenfalls sind überall. Einmal erfahren wir sie als beunruhigendes Wunder des Aleph, dann wieder in einem tiefen Gespräch mit einem guten Freund, ein andermal als Inschrift an den Mauern eines fiktiven Babylon, dann wieder im Morgengrauen eines Angriffs in den südarmerikanischen Freiheitskriegen. "Vocatus atque non vocatus, deus aderit."  *

Jorge Luis Borges erforscht intensiv und geduldig das Wesen der Zeit und die Räumlichkeit anderer Dimensionen. Teilweise geht er dabei behutsam und Schritt für Schritt ans Werk, manchmal aber durchquert er ziemlich kühn die Räume und Zeiten und dringt ins bisher Ungesagte vor.  Er errichtet Brücken über Abgründe, erstellt Wegekarten im Nirgendwo und hilft, Basislager zu errichten im Unbekannten. Diese wiederum können von den Nachfolgenden genutzt werden, damit sie nicht verloren gehen in jenen Gebiete, wo bereits Nietzsche und Baudelaire geglaubt hatten, die Grenzen des Sagbaren überschritten zu haben. Borges beschreibt eine Welt der Spiegelungen und Fiktionen, die nichts desto trotz äußerst real erscheint. Vielleicht hätte Kafka in seinem Schloß ähnliche Entdeckungen und Erfahrungen gemacht, wenn er mehr Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft besessen hätte....

Eine Beispielgeschichte, nämlich "Der andere Tod", soll verdeutlichen, auf welche subtile Weise Borges das Unerklärliche in unsere Alltagswelt hineinbringt. Die Erzählung vom Feigling, der durch ein hartes und ehrbares Leben seine Schande wieder gut macht, zeigt auch welchen Stellenwert Borges solchen Begriffen wie Ehre, Tapferkeit, Reue und Loyalität einräumt. Diese inneren Haltungen können ein Leben verändern und sogar - deo concedente - eine mißlungene menschliche Lebensführung am Ende noch einmal umschreiben. Das ist eine reine und wirkmächtige Topothesie, wie sie besser nicht durchgeführt werden könnte. "Der andere Tod" von Borges drückt dieses Gesetz am stärksten aus. Unsere Hingabe und unser beharrliches Daran- Arbeiten, unsere Treue und die Schönheit der gestalteten Form schaffen eine Welt und lassen sie Bestand haben. Dantes Dichtung lokalisierte das Inferno wie auch das Paradies; Milton arbeitete daran weiter. Mit jedem neuen Werk gewinnt dieser Bereich des Universums an Dichte und wird leichter begehbar. Unsere Kunst und Literatur erforschen auf ihre Weise ein ganzes Universum an neuen Gebieten. Natürlich geraten sie dabei auch zeitweise in steinige Areale, wo ein Leben nicht möglich ist oder in ein Sumpfgebiet, das manchen nicht wieder losläßt. Doch es sit auch wichtig für die nachfolgenden, zu wissen wo die Wüsten und wo die Quellen sind.

Ist Gott mit im Spiel? Natürlich, er ist immer und überall mit dabei. Wenn ich - vorzugsweise abends -  in den Erzählungen von Borges lese, stellt sich mir eher die Frage, ob unser Leben auf diesem Stück Erde überhaupt real ist oder nur ein Traum Gottes.

weiter



*  "Gerufen oder Ungerufen, Gott wird da sein." -  Dieser Ausspruch war das Lebens- und Arbeitsmotto von C.G. Jung


Zum Anfang dieser Seite

zur Startseite

zum Inhaltsverzeichnis
 


 

Ar Gwyr 
Archiv - Übersicht

Copyright

Anmerkungen

Bild- und Textnachweise