Jorge Luis Borges  -  Der Erzähler

Alle Erzählungen des großen Argentiniers und die meisten seiner Gedichte sind metaphysisch ausgerichtet oder loten metaphysische Relationen aus. Einstein erwähnte einmal, daß alles Tun des menschlichen Geistes, sogar die Physik, im Grunde Metaphysik sei. Dieser bemerkenswerte Ausspruch geht in dieselbe Richtung wie die Geschichten des Argentiniers. Ich vermute, daß es die Aufgabe dieser (und unserer) Generation war, ist und bleibt, das im 19. Jahrhundert an den Materialismus zeitweise verlorene Terrain des menschlichen Geistes zurückzugewinnen. Dabei darf man es nicht bewenden lassen, zusätzlich gilt es, dem Bereich des menschlichen Wissens weitere Landstriche dieser metaphysischen Welt hinzuzufügen. Die "Terra Incognita", jene weißen Flecken auf der Landkarte,  wird betreten und erforscht. Eines Tages werden Menschen dort wohnen und darin ihr Zuhause sehen.
Man bezeichnet die philosophischen Hintergründe von Borges´ Geschichten nun oft als gnostisch. Damit ist üblicherweise jene Geheimlehre gemeint, die vor fast zweitausend Jahren als Konkurrent des jungen Christentums den Anspruch erhoben hatte, über die jenseitigen Dinge und die Zusammenhänge von Gott, Mensch und Welt genau Bescheid zu wissen. Aber ich habe  den Eindruck, daß unsere Literaturkritik diesen Begriff immer gebraucht, wenn sie mit ihren Zuordnungen nicht mehr weiter weiß. Es ist eine allzu leichtfertige Etikettierung, die bei jedem angewendet wird, wenn er nicht zum Mainstream des Denkens gehört. Gewiß ist Borges ein guter Kenner der Gnosis. Aber es ist doch ebenso deutlich sichtbar, daß er gnostische Gedankengänge eher als Stilmitttel benutzt und in seiner erzählerischen Intention weit hinter sich läßt. In manchen Geschichten finden wir sogar  eine weitreichende Kritik der Gnosis, etwa in "Die beiden Theologen".
Vielleicht könnte man seinen theologischen bzw. philosophischen Ansatz als Metagnosis bezeichnen. Denn er stellt die alte Gnosis mit ihrer Arroganz, das wahre Wissen gepachtet zu haben, ironisch in Frage. War es Empedokles, welcher seine Mitmenschen als "Hunde und Schweine" bezeichnete? Die antiken Gnostiker pflegten auf den normalen Bürger, der im sich Alltag behaupten mußte, herabzusehen. Borges wendet sich im Gegenteil genau diesem Menschentyp zu und beschreibt sein einfaches Leben voller Respekt. Statt der gnostischen Anmaßung, alles zu wissen, stellt Borges eher die Behauptung auf, daß wir in Wahrheit nichts wissen, daß wir allenfalls ein paar dürftige Hinweise haben auf jene höhere Macht, die unser Leben regiert. Borges vertritt eine subtile Selbstbehauptung im Angesicht des Gottes und seiner Mysterien, wie sie mir in den Briefen des Apostels Paulus sehr ähnlich anklingt.
Man sollte übrigens den folgenden Gedankengang einmal weiter verfolgen. Über über ein Jenseits wird in den Handlungssträngen des argentinischen Erzählers kaum spekuliert, sondern über das Geheimnis des menschlichen Lebens und seine verborgenen Relationen. Es gibt bei Borges, vor allem in seinem Gemeinschaftswerk mit Bioy Cesares "Das Buch von Himmel und Hölle" einige Geschichten über das Jenseits, aber sie werden ohne Wertung, anekdotenhaft, neben einander gesetzt und damit als Chiffren kenntlich gemacht. Viel mehr aber geht es um unsere Beziehungen zu Gott, die Freiheit und jene Grenzen des Schicksals, um Verhaltensmuster und innere Haltungen, welche alle hier auf dieser Welt ihre Bühne und ihren Auftritt haben. Der Alltag, die Arbeit, die Vorstädte, sie bergen das Geheimnis. Eine Beispielgeschichte, nämlich "Der andere Tod", soll verdeutlichen, auf welche subtile Weise Borges das Unerklärliche in die Alltagswelt hineinbringt. Sie erhellt auch, welchen Respekt der Autor vor den Begriffen der Ehre, der Loyalität und des einfachen Lebens hat. Für die Gnostiker bedeuteten solche Werte und Tugenden nichts Erstrebenswertes. Genauer gesagt, liegt hier jene Unterscheidung, welche nicht von theologischem Wortgeklingel übertönt werden kann: Es geht um die eine, alles entscheidende Frage: Sind für dich die Gebote und Gesetze noch in Kraft oder huldigst du einem Abraxas-Gott, dem Schwarz und Weiß, Lüge und Wahrheit das gleiche ist? So beurteilt Sokrates einen Mann danach, ob er Ritual und Gesetz noch einhält oder ob er gleichsam zum Wolf wird. Das unterscheidet den Gnostiker (und mehr noch den Satanisten) vom wahren Gläubigen ganz gleich welcher Konfession. Die Erzählung vom Feigling, der durch ein hartes und ehrbares Leben seine Schande wieder gut macht, zeigt welchen Stellenwert Borges solchen seelischen Zuständen wie Reue und Busse einräumt. Sie können ein Leben verändern und sogar eine Biographie am Ende umschreiben. Das ist eine reine Topothesie, wie sie besser nicht durchgeführt werden könnte.

Zu seinen Geschichten und wie sie zu ihm kommen, ihn gewissermassen als unerwartete Gäste aufsuchen, sagt Borges in seinem Gespräch mit Oswaldo Ferrari * folgendes: "Ich habe diese Themen nicht ausgesucht, diese Themen haben mich ausgesucht. ...Ich meine, es ist ein Irrweg, ein Thema zu suchen, ein Irrweg, und eher etwas für einen Journalisten als für einen Schriftsteller. Ein Schriftsteller muß zulassen, daß die Themen ihn suchen, er muß sie zuerst abwehren, und schließlich, wenn er sich damit abgefunden hat, kann er sie aufschreiben, um zu anderem überzugehen..."
Eine wichtige Rolle spielen bei Borges Erinnern und Vergessen. Das Erinnern, vor allem an Verse und Geschichten, ist ein Tun, das dem alten Dichter leicht fällt. Sein Gedächtnis ist so wohlgefüllt wie die von ihm beschriebene Bibliothek. (Man weiß aus neueren Forschungen, daß das Gedächtnis von Blinden anders, effektiver strukturiert ist als das von Sehenden.)  Doch ist das Erinnern die eine Seite; unsere Beispielgeschichte zeigt, welche Gnade im Vergessen liegen kann. Daher legt der Autor solchen Wert auf das Aufblitzen und Verdämmern von Erinnerung, die verschwinden oder sich verwandeln kann. Vielleicht sind dies die beiden Tätigkeiten, mit denen der Mensch am stärksten Einfluß nehmen kann auf "das Labyrinth weißer Tage und schwarzer Nächte" (Borges in seinem Schach- Gedicht) welches sein Leben ist.
Borges beklagt einmal an anderer Stelle in dem schon erwähnten Gespräch mit Oswaldo Ferrari, daß manche Leser seine Geschichten nur ungenau lesen und zum Beispiel die von ihm zitierten Bände der Tlön- Enzyklopädie für real halten. Genau das ist meiner Meinung nach eine weitere gute Seiten des Vergessens und Mißverstehens. Das berühmte "Rauschen" in der Lernforschung - ich erinnere mich an eine Yoga -Übung, bei der es darum ging, eine Art inneren Klang zu hören, indem man die Augen schließt und die Ohren zuhält. Je nachdem, wie stark man die Finger auf die Ohren preßt, wird das Rauschen ein anderes. Es entsteht ein Ton, welcher im Vergleich zu den eher zudringlichen Geräuschen der Außenwelt von subtiler Schönheit ist.  Denn so erinnern die Menschen sich ziemlich unscharf an die echte Geschichte und an die wahre Gestalt und überlagern das Ganze mit ihren eigenen Bildern. An diesem entscheidenden Punkt entstehen die Legenden. Ich wiederhole, im Vergessen liegt eine Gnade. Wir können nur hoffen, daß auch unsere Fehler und Vergehen im Angesicht Gottes auf diese Weise ausgelöscht sind.   weiter
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