Resumee zu Jorge Luis BorgesDer stille, zurückgezogen lebende Mann aus Buenos Aires, der von seiner Blindheit mehr und mehr dem normalen Leben entzogen wurde, ist auf einer geistig zu denkenden Ebene einer der großen Entdecker der Menschheit. Er erkundet Neuland und steckt einen Weg ab, der nachfolgenden Besuchern die weitergehende Erkundung dieser Gebiete erleichtert. Sein Werk ist ein Beitrag zur menschlichen Topothesie.
Was meine ich mit diesem Begriff? Der Mensch erschafft sich seine Welt aus einer Art eigener Kraft. Diese Aussage wirkt reichlich konstruktivistisch, doch ich meine es im Sinne meines Begriffs der Kulturation. Ich behaupte, daß diese "erdachte" und beschriebene Welt nach ihrer Erstellung allmählich konkret und real wird. Anfangs mag das wie in einer Art Nebel geschehen, dann nimmt sie immer weiter gehend Gestalt an und verfestigt sich. Eines Tages gelingt es uns, vorsichtig den Fuß auf ihren neu emporgestiegenen Boden zu setzen, und wir erfahren, daß er uns trägt. Von dort schreiten wir - mutiger geworden - zu neuen Orten, die wir ebenfalls erst mit Worten aus dem Nichts rufen und gewissermassen beschwören, wie es in alter Zeit die Zauberer getan haben. Zunächst erscheinen uns die Bestandteile auch dieser neu beschworenen Orte nebelhaft und stets laufen wir Gefahr, daß sie sich wieder verflüchtigen. Dann aber, unseren starken Anrufungen gehorchend, bleiben sie am Ort ihres Gerufenseines, werden deutlicher, spürbar, bewohnbar. Aus dem Schatten der gerade magisch ins Leben gerufenen Bäume weht uns eine Kühle entgegen, ein loses Blatt fliegt herbei und verfängt sich in unserem Haar. Ein leichtes Schaudern durchfährt uns; der Fuß spürt einen Waldboden, fest, weich, moosbestanden, genau an der Stelle, wo eben noch Nichts war. Nun ist die Welt offen und wir sind in ihr unterwegs.
Verstehen Sie diese Sätze bitte nicht falsch. Nicht indem ich mir irgendetwas gerade mal so ausdenke, schaffe ich eine neue Welt, sondern indem ich es unter Mühen und Entbehrungen lebe, indem ich dafür ackere und Steine herbei trage. Nur auf diese Weise gelingt die Hervorrufung einer neue inneren Landschaft, deren Oberfläche trägt und deren Erforschung lohnt. Ihre Geographie ist nicht beliebig und flach, wie viele unserer halb ausgegorenen Fantasy- Welten, die wir mit Recht bald langweilig finden. Sondern ihre geographische Anlage ist genau verortet und spätere Besucher finden in ihr die gleichen Stätten. Tolkiens "Herr der Ringe" übrigens wäre solch eine Welt, die so gründlich mit unendlichem Fleiß erarbeitet wurde. Karl Popper beschreibt in seiner Philosophie drei Welten. Neben der physikalischen und der psychischen Welt gebe es eine "Welt 3", d.h. "Die vom Menschen geschaffenen objektiven Strukturen, die dann aber unabhängig von ihm existieren". Solche Strukturen sind nach Poppers Ansicht "Sprachen, Religionen, Moralische Systeme, Gesetzeswerke, Gebräuche, Philosophie, Kunst, Wissenschaft, regelmäßig wiederkehrende Verhaltensweisen, das objektivierte Wissen der Menschheit in Form des Geschriebenen..." und mehr. Dem Philosophen zufolge sind diese vom menschlichen Geist "erschaffenen" Dinge aber nicht objektiv vorhanden. Peter Möller hat nun aber darauf hingewiesen * daß zumindest die Welt der Zahlen auch unabhängig vom menschlichen Geist existieren müsse. Ich möchte dieses Argument auf die Semantik und die menschlichen Sprachen (zumindest im Hinblick auf ihre Strukturgesetze) erweitern. Die unvermutete Entdeckung neuer (Zeichen-) Sprachen in den letzten Jahren scheint mir ebenfalls darauf hinzuweisen, daß es geistige Strukturen und Gesetze gibt, welche außerhalb des uns denkerisch zugänglichen Bereichs existieren. Sie sind gestiftet von einer höheren Entität, die wir mit unseren derzeitigen denkerischen Mitteln nur unzureichend begrifflich zu erfassen suchen. Borges gelingt dies, und dabei ist er seiner Zeit weit voraus, mit Hilfe der Metapher bzw. der Paradoxie.
Von diesem Gedanken kommen wir zurück zur Topothesie. Die Ägypter überwanden den Tod durch die Magie ihrer Zeichen, Texte und Pyramiden. Realer als diese von Menschenhand geschaffenen Wegmarkierungen im Universum kann eine Gedankenwelt, eine Sehnsucht, ein Traum nicht werden. Doch mögen auch die Pyramiden eines fernen Tages durch die Erosion der Jahrtausende verfallen sein, der Geist ihrer Erbauer hat eine Dimension der Unsterblichkeit gewonnen und sich dort niedergelassen.
K.Flügel stellt sich die Frage, was uns denn eigentlich in den Spiegeln und Labyrinthen erscheint. "Ist es die labyrinthische Außenwelt oder ist es die Innenwelt des tiefer und tiefer von der Blindheit überschatteten Dichters?" und fährt fort, indem er eine häufig geübte Kritik an Borges aufnimmt, "Kritische Leser glaubten, an dem spekulativen Individualisten Borges einen gewissen narzißhaften Zug zu bemerken. Ein so vorzüglicher Kenner lateinamerikanischer Literatur wie Günter W. Lorenz vermißt im Vergleich mit anderen engagierten Autoren des Kontinents bei Borges »das menschliche Element«, das humane Engagement. Im Epilog (1960) zu dem aus Prosa und Lyrik »zusammengelesenen« Buche mit dem deutschen Titel "Borges und Ich" heißt es unmißverständlich und auf eine für sein gesamtes Schaffen charakteristische Weise: »Jemand setzt sich zur Aufgabe, die Welt abzuzeichnen. Im Laufe der Jahre bevölkert er einen Raum mit Bildern von Provinzen, Königreichen, Gebirgen, Buchten, Schiffen, Inseln, Fischen, Behausungen, Werkzeugen, Gestirnen, Pferden und Personen. Kurz bevor er stirbt, entdeckt er, daß dieses geduldige Labyrinth aus Linien das Bild seines eigenen Gesichts wiedergibt.« Es ist eine melancholische Entdeckung. Von narzißhafter Selbstgefälligkeit ist nirgendwo etwas zu spüren, vielmehr das Bewußtsein der Nichtigkeit bei aller verwirrenden »Komplexität« des eigenen Wesens. Am Schluß des Gedichtbandes Lob des Schattens bewegt ihn erneut diese Frage nach dem eigenen Ich, dessen Erkenntnis das Vergessen »so vieler Dinge« voraussetzt: »Nun kann ich sie vergessen. Ich gelange zu meiner Mitte, zu meiner Algebra und meinem Schlüssel, zu meinem Spiegel. Bald werde ich wissen, wer ich bin.«
Der blinde Dichter sieht die wahre Wirklichkeit. Das ist eine Annahme, welche bereits in der Antike ein verbreitetes Allgemeingut war. Natürlich wählt auch er seine Zugänge zur Wirklichkeit aus, die körperliche Behinderung ebenso wie seine Lebensgeschichte mögen dabei eine Rolle spielen. Die Realität, jenes gebrechliche Konstrukt, ist nämlich von mehreren Seiten her erforschbar; wir können sie im humanitären Einsatz für andere, im Erfahren von uns selbst oder im Gegenüber eines geliebten Wesens erkennen. Oder im Zweikampf der Klingen. Borges würde diesen von mir willkürlich aufgezählten Ansätzen noch das geduldige Erforschen eines Buches hinzufügen. Alle diese genannten Wege enthalten natürlich ihre ihne je eigentümlichen Vorzüge und Schattenseiten, denn der suchende Mensch kann sich auf allen diesen Wegstrecken verlieren.
Was also sieht Borges in seinen Spiegeln und Labyrinthen? Das Angesichts eines Höheren Wesens, welches den Menschen erschuf, um sich selbst in den labyrinthischen Wegen des Universums zu begegnen; um einen Gesprächspartner zu haben in einer womöglich unendlichen Einsamkeit. Insofern baut der Argentinier Brücken, befestigt Wegmarkierungen und Zeichen, die uns ein besseres Vorankommen auf dem Wege des Menschen zur Bestimmung hin zu ermöglichen.
Sartre hatte seinerzeit das Leben als absurd beschrieben und uns einen gut beleuchteten Weg in die Wüste gewiesen. Nun markiert Borges an einer anderen Wegstelle einen schwierigen, aber durchaus begehbaren Pfad. Dieser oft nur angedeutete Weg führt in ein Land, in welchem ein Leben in Fülle möglich ist. Beide Wege sind entbehrungsreich. Aber es ist die Nähe zum Göttlichen, welche den Unterschied ausmacht. Aber wir - als durchschnittliche Leser - starren in die vordergründigen Flächen des Spiegels, entziffern mühsam die Metaphern und bemerken es oft genug nicht. In Wahrheit sind wir die Blinden, nicht der alte, distanzierte Poet aus Buenos Aires.
* in einer lesenwerten kleinen Darstellung von Poppers Weltsicht in http://www.philolex.de/popper.htm#dwt
die im Text zitierten Sätze sind von ebenda
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